Ernst Ludwig Kirchner — mit diesem Namen verbinden sich zuallererst ausdrucksstarke, farbintensive Gemälde und Zeichnungen. Als expressionistischer Künstler weltweit bekannt geworden, umfasst sein Lebensweg aber auch eine andere Phase: sein Studium der Architektur. Die Ausstellung »Ernst Ludwig Kirchner — Vor der Kunst die Architektur« widmet sich dieser frühen und vielfach noch unbekannten Episode des expressionistischen Künstlers — der Zeit vor der Kunst. Das Baukunstarchiv NRW zeigt in einer umfassenden Werkschau Originalarbeiten, die Kirchner während seines Studiums an der Königlich Technischen Hochschule Dresden geschaffen hat, und stellt damit den Künstler Ernst Ludwig Kirchner als jungen Architekten auf eindrückliche Weise vor.

Ernst Ludwig Kirchner Entwurf einer Friedhofsanlage

Ernst Ludwig Kirchner – Entwurf einer Friedhofsanlage, Diplomarbeit, um 1905

In Aschaffenburg geboren, studierte Kirchner gemeinsam mit seinen Freunden und den späteren »Brücke«-Künstlern Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff von 1901 bis 1905 in Dresden und ein Semester in München Architektur. In dieser Zeit entstand ein Konvolut an Skizzen und Zeichnungen, die sich zwischen Historismus, Jugendstil und dem Reformstil der frühen Moderne bewegen. Seine von ihm selbst über zwei Weltkriege hinweg geretteten 95 Studienarbeiten werden nun in einer Gesamtschau präsentiert. Sie umfassen neben klassischen Architekturdarstellungen in Grundrissen, Ansichten, Schnitten und Perspektiven auch aufwendige Innenraumgestaltungen mit Möbeln, Lampen und Wandgestaltungen.

Zu den bearbeiteten Bauaufgaben zählen Wohnhäuser, Ateliers, Hotels und Museen. In seiner Diplomarbeit entwickelte Kirchner den Entwurf einer monumentalen Friedhofsanlage, mit der er sein Studium der Architektur erfolgreich abschloss. Im Vergleich etwa mit den repräsentativen und opulenten Entwürfen an der Pariser École des Beaux-Arts wird deutlich, wie sehr die Architekturausbildung in Deutschland alltägliche Bauaufgaben und eine von der englischen Arts and Crafts-Bewegung beeinflusste Kultur des Wohnens in den Mittelpunkt stellte.

Ernst Ludwig Kirchner, Entwurf eines Herrenzimmers

Ernst Ludwig Kirchner – Entwurf eines Herrenzimmers, perspektivische Innenansicht, Innerer Ausbau bei Prof. Fritz Schumacher, um 1904/05

Ernst Ludwig Kirchner, Schlösschen für einen Kunstliebhaber

Ernst Ludwig Kirchner – Schlösschen für einen Kunstliebhaber, Längsschnitt, um 1904/05

Die Ausstellung »Vor der Kunst die Architektur« stellt das stark von Jugendstil und den Reformbestrebungen der frühen Moderne geprägte architektonische Werk Kirchners auch in den Kontext seiner Dresdner und Münchner Lehrer, darunter Fritz Schumacher und Paul Wallot. Kirchners Architekturzeichnungen verweisen auf den fundamentalen Wandel im Architekturgeschehen, der sich um 1900 bereits durch erste Reformbestrebungen ankündigte, die 1907 zur Gründung des Deutschen Werkbunds führen sollten. Die jungen Architekturstudenten und Künstler wendeten sich nicht nur gegen den Konservatismus in den bildenden Künsten, sondern auch gegen den Historismus in der Architektur. Innerhalb der damaligen Debatten um Kunst und Architektur wurde die Baukunst erneut als »Mutter aller Künste« in den Mittelpunkt gerückt. Die Zeichnungen Kirchners bezeugen, dass sich um die Jahrhundertwende die Grenzen zwischen Kunsthandwerk, Kunst und Architektur aufzulösen begannen und somit auch die Idee vom »Gesamtkunstwerk« an Bedeutung gewann. Künstler wie Peter Behrens konnten zu Architekten werden — und Architekten wie Kirchner zu Künstlern.

Heute die wunderschönen Architekturzeichnungen Kirchners der Öffentlichkeit zu präsentieren, heißt nicht nur, einer berühmten Künstlerpersönlichkeit zu huldigen. Die Ausstellung bereichert nicht nur unser historisches Wissen, indem einem Maler sein architektonisches Werk zur Seite gestellt wird. Sie kann auch in der heutigen Baukultur ein kleiner Weckruf sein: Kirchners Architekturzeichnungen zeigen, wie nahe sich bildende Kunst und Architektur in ihrer Eigenschaft der sinnlichen Wahrnehmbarkeit sind und vermögen zu verdeutlichen, dass auch heute Architektur unausweichlich eine ästhetisch gestaltende Tätigkeit ist. Architektur ist die Gestaltung der Umwelt, in der wir als sinnliche Wesen gerne leben wollen. Dafür muss sie schön sein — auch daran können uns Kirchners Zeichnungen erinnern.

In der Wanderausstellung werden drei unterschiedliche Lebensstationen Kirchners an drei Ausstellungsorten in Aschaffenburg, Dresden und Dortmund näher beleuchtet. Diese Stationen umfassen seine Kinder- und Jugendjahre, sein Architekturstudium, die Gründung der Künstlergruppe »Brücke« sowie sein Wirken als Künstler und seine späteren Ausstellungen im Dortmunder Museum. Im Baukunstarchiv NRW wird als erste Station das Wirken und der Werdegang Kirchners an seinem ersten wichtigen Ausstellungsort präsentiert. Anhand der Sammlungsgeschichte des Museums am Ostwall werden Werke Kirchners aus Ankäufen und Ausstellungen gezeigt, die auch in enger Verbindung mit der Baugeschichte des Hauses stehen. Im Rahmen der weiteren Stationen im Zentrum für Baukultur Sachsen im Kulturpalast in Dresden wie auch im KirchnerHAUS in Aschaffenburg stehen dann die Verbindung von Kunst und Architektur während seines Studium und die Prägungen in seiner Geburtsstadt im Mittelpunkt.

Ohne die großzügige und intensive Unterstützung Vieler wäre diese Wanderausstellung nicht möglich gewesen, dies gilt insbesondere für: die Galerie Henze & Ketterer & Triebold, die das Konvolut der Architekturzeichnungen für die Ausstellung als Leihgeber zur Verfügung gestellt hat. Außerdem bedanken wir uns für die großzügige Förderung bei: der Kunststiftung NRW, der Kulturstiftung Dortmund, der Rudolf-Chaudoire-Stiftung, der WILO-Foundation, der Vogt-Gruppe, Brune Immobilien und nicht zuletzt dem Förderverein Baukunstarchiv NRW. Ihnen allen gilt unser herzlichster Dank.

Ernst Ludwig Kirchner, Entwurf für einen Deckenlüster

Ernst Ludwig Kirchner – Entwurf für einen Deckenlüster, 1901-05

Ernst Ludwig Kirchner, Fünf Jugendstilornamente

Ernst Ludwig Kirchner – Fünf Jugendstilornamente, Ornamententwerfen und Figurenzeichnen bei Prof. Weichardt, um 1904-05

Ausstellung

25. September – 20. Dezember 2020
Baukunstarchiv NRW Dortmund
Ostwall 7, 44135 Dortmund

ÖFFNUNGSZEITEN
Montag geschlossen
Dienstag bis Sonntag 14-17 Uhr
Donnerstag 14-20 Uhr

EINTRITT
regulär 10 €, ermäßigt // Mitglieder des Fördervereins 5 €

HYGIENE- UND SICHERHEITSMASSNAHMEN
Wir haben ein umfassendes Hygienekonzept erarbeitet und bitten Sie, die Vorgaben vor Ort einzuhalten.

FÜHRUNGEN
Öffentliche Kuratorenführungen am 11. und 25. Oktober 2020 jeweils um 15 Uhr.
Anmeldung unter info@baukunstarchiv.nrw
Für weitere Führungsanfragen wenden Sie sich bitte an die Kuratoren Christos Stremmenos und Alexandra Apfelbaum (Co-Kuratorin) unter post@buero-apfelbaum.de

WEITERE AUSSTELLUNGSSTATIONEN
5. Februar 2021 – 4. April 2021 // ZfBK – Zentrum für Baukultur Sachsen im Kulturpalast Dresden, Schloßstr. 2, 01067 Dresden
7. Mai 2021 – 25. Juli 2021 // KirchnerHAUSMuseum Aschaffenburg, Ludwigstr. 19, 63739 Aschaffenburg

Der AUSSTELLUNGSKATALOG erscheint in der Schriftenreihe des Baukunstarchivs NRW.
Weiter Informationen unter Publikationen: Ernst Ludwig Kirchner – Vor der Kunst die Architektur – Katalog (Verlag Kettler)

KURATOR
Christos Stremmenos
studierte Architektur an der Technischen Universität Berlin. Nach Studien- und Praxisaufenthalten in Paris, München, Wien und Berlin ist er seit 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dortmund, wo er am Lehrstuhl Grundlagen der Architektur (GDA) in der Entwurfslehre und am Lehrstuhl Geschichte und Theorie der Architektur (GTA) in Forschungsvorhaben tätig war. Seit 2018 ist er im Auftrag des Lehrstuhls GTA und des Baukunstarchivs NRW am BMBF-Forschungsprojekt Stadt.Bauten.Ruhr. beteiligt. Er projektiert, kuratiert und szenografiert Ausstellungen mit architekturbezogenen Schwerpunkten.

CO-KURATORIN
Prof. i. V. Dr. Alexandra Apfelbaum
ist seit 2009 als freiberufliche Kunst- und Architekturhistorikerin tätig. Seit 2018 hat sie eine Vertretungsprofessur für Geschichte und Theorie von Architektur und Stadt an der Fachhochschule Dortmund inne. Ihr Schwerpunkt sind Forschungen zu den Schnittstellen von Architektur und Kunst im 20. Jahrhundert mit Fokus auf NRW und der Nachkriegszeit. Sie ist Vorstandsvorsitzende des Deutschen Werkbunds NRW und der Initiative Ruhrmoderne.

WEITERE INFORMATIONEN UND PRESSEKONTAKT
Dr. Alexandra Apfelbaum: post@buero-apfelbaum.de / 0177-3211086

Alle Bilder auf dieser Seite: Courtesy Galerie Henze & Ketterer & Triebold, Riehen/Basel und Wichtrach/Bern