Der öffentliche Raum muss Projektions- und Resonanzfläche sein – auch für andere Meinungen. Deshalb ist die Gestaltung des öffentlichen Raums immer auch ein politischer Akt.“ Mit diesen Worten führte Markus Lehrmann, Geschäftsführer des Baukunstarchivs NRW, in das Symposium „Zwischen Kunst und Denkmal“ ein, das am 6. März im BKA NRW in Dortmund stattfand. Rund 100 Interessierte nahmen an der Veranstaltung und den offenen Diskussionsforen teil.
Das Symposium war als Beitrag in die Ausstellung „under construction / public preposition von Mischa Kuball eingebunden. Die Schau von Kuball war bis zum 22. März im Lichthof im Baukunstarchiv NRW in Dortmund zu sehen. Sowohl die Ausstellung als auch das Rahmenprogramm sollten zu Gesprächen über die Nutzung des öffentlichen Raums anregen. Insbesondere das Symposium solle dabei die offene Debatte weiter vertiefen und Interessierten einen differenzierten Einblick in aktuelle Entwicklungen geben, erklärte der Konzeptkünstler Mischa Kuball.
Dr. Jacques Heinrich Toussaint, Leiter des „Ressort Kunst im öffentlichen Raum“ der Stadt Dortmund, moderierte das Symposium. „Das Denkmal ist zu einer wichtigen Frage für uns als Kommune geworden. Wie kann mit historisch und bisweilen belasteten Denkmälern umgegangen werden? Welche neuen Denkmäler könnten die Stadt bereichern?“, führte Dr. Toussaint fort. Die Zeit, in der Denkmäler als „Gedächtnisstütze“ fungierten, habe in den letzten Jahren an Überzeugungskraft verloren.
„In Zeiten der schnelllebigen, überwältigenden Texte und Bilder braucht es möglicherweise neue Denkmäler, die ein gemeinsames, kollektives Erinnern ermöglichen“, so der Leiter des „Ressort Kunst im öffentlichen Raum“ der Stadt Dortmund.
Im Rahmen des Symposiums im BKA NRW wurden dazu verschiedene Ansätze präsentiert.
Monumente und Perfomance im Stadtraum
Kunst im öffentlichen Raum muss nicht permanent sein, so Lea Schleiffenbaum, Kunsthistorikerin und freie Kuratorin. Sie befasste sich im Rahmen der Veranstaltung mit dem Thema „Temporäre Kunst im öffentlichen Raum: Zwischen Gedenken und Gegenwart“ – und zeigte Beispiele für Eingriffe in bestehende Denkmäler; sowie für temporäre Interventionen im Stadtraum.
Das Projekt „ghostTram“ von Mischa Kuball (2013) in Katowice ließ beispielsweise an sechs Abenden eine weiß-leuchtende Straßenbahn durch die polnische Stadt fahren, die unweit von Auschwitz liegt – und für viele Menschen Erinnerungen oder aber Erinnerungsfragen weckte.
Ein anderes Beispiel, erklärte Lea Schleiffenbaum, sei ein partizipatives Tanzprojekt der Choreografin Sasha Waltz. Das Projekt „In C – Marler Partitur“ (2022) wurde vor dem Rathaus und an weiteren Stationen in Marl aufgeführt. „Anliegen war, den Aufbruch in Vielfalt, den Marl in den 1960er Jahren erlebt hatte, zeitgemäß fortzuschreiben und erfahrbar zu machen“, erläuterte die Kunsthistorikerin. „Es wird oft übersehen, dass ein Monument für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen etwas ganz unterschiedliches bedeuten kann“, führte Schleiffenbaum weiter fort.
Wichtig sei aber auch die Frage, was mit einem Monument oder Kunstwerk geschehe, nachdem die erste Aufmerksamkeit abgeklungen sei, stellte Prof. Heike Hanada (TU Dortmund und freie Künstlerin) im Rahmen des Symposiums dar. Einige eigene Arbeiten von Prof. Hanada – etwa zum Gauforum Weimar – seien nicht realisiert worden. Das sei Teil von Erinnerung; und politisch, so Heike Hanada. Umso glücklicher sei sie gewesen, das „neue Bauhaus-Museum Weimar“ in diesem städtebaulichen Zusammenhang realisiert haben zu können.
Phänomen Doppelgänger
Mit einem performativen Vortrag machte der Künstler Esper Postma auf das Phänomen aufmerksam, dass Monumente und Denkmale oftmals „Doppelgänger“ erleben würden. Als Beispiel nannte er das Berliner Schloss, das nach Kriegszerstörung und Sprengung um 1950 zerstört war. Von 2013 bis 2020 wurde das Bauwerk dann nachgebaut. „Es bilden sich heute schnell zwei Lager: die konservativen Bewahrer, und diejenigen, die Monumenten umdeuten oder abreißen wollen“, stellte Esper Postma fest.
Der Künstler versuche, aus der „Perspektive des Denkmals“ auf die Gesellschaft zu blicken, erklärte er weiter. „Dann würde das Denkmal oft sehen, dass die Menschen sich nicht nur erinnern wollen, sondern auch Erinnerungen verwischen und anpassen wollen“, führte Postma aus. Denn: Das Humboldt Forum, das im „neuen“ Berliner Schloss untergebracht ist, habe beispielsweise kontinuierlich mit seiner historischen Schuld zu kämpfen. Hintergrund seien gestohlene Kolonialobjekte, die bis heute dort ausgestellt werden, so Esper Postma.
Einsatz für das Denkmal
Georg Elben, Direktor des Skulpturenmuseums Glaskasten in Marl, sprach über das Thema: „Denkmäler heute zwischen Stadtmarketing, vielfältigen Facetten des Gedenkens und neuen künstlerischen Impulsen“. Es gebe aktuell eine wachsende Zahl von Initiativen, die sich für neue Denkmäler einsetzen – oder aber neue Kommentierungen von Denkmälern erreichen wollen, so der Direktor. Elben zeigte eine Auswahl an Skulpturen, die in ihren jeweiligen Regionen von besonderer Bedeutung seien. „Ich halte es für wichtig, Denkmäler im öffentlichen Raum zu pflegen und aktiv zu vermitteln. Das gilt für Denkmäler aus allen Epochen“, unterstrich Georg Elben.
Zum Thema „Denkmal und zeitgenössische Kunst: Erinnern, reflektieren, aktivieren“ sprach Dr. Vanessa Joan Müller in ihrem Vortag. Die Kunsthistorikerin und Ausstellungskuratorin aus Wien setzte sich mit ideologischen Implikationen historischer Monumente auseinander. „Der öffentliche Raum ist kein neutraler Ort, sondern ein gesellschaftlich geprägter Raum, mit dem das Kunstwerk immer interagiert“, hob Dr. Müller hervor. „Das zeitgemäße Denkmal wird Teil eines gesellschaftlichen Aushandelns“, führte sie aus. Als Beispiel nannte sie ein Mahnmal in Wien – für die Staatlich Verfolgten der nationalsozialistischen Militärjustiz. Das Werk erinnere an klassische Sockel von Heldendenkmälern; es werde aber zugleich als Sitzfläche genutzt, erklärte Dr. Müller.
Die konkrete Nutzung durch die Stadtbevölkerung führe immer wieder zu Verärgerung oder Irritation. Ähnliches gelte auch für das Mahnmal von Peter Eisenman für die ermordeten Juden in Berlin. Gleichwohl: Dr. Müller erklärte, Peter Eisenman habe gesagt: „Das Mahnmal schreibt niemanden vor, wie es genutzt werden soll.“ Auch die Nutzung als Labyrinth, Kletterfeld oder Erlebnisraum sei denkbar. „Ein Denkmal führt schnell dazu, dass Menschen sich differenziert mit einem Thema auseinandersetzen“, meinte Dr. Vanessa Joan Müller fortführend.
Auch der Konzeptkünstler Mischa Kuball wolle mit seinen Werken und Projekten öffentlich Fragen aufwerfen, den Diskurs aktivieren und eine Neukontextualisierung vornehmen, so Dr. Müller. Demnach sei das Symposium im BKA NRW im Rahmen von Kuballs Ausstellung von besonderer Bedeutung.
Städtebau als Erinnerung?
Schrift- und Bildtafeln seien zusammenfassend also im Stadtraum etabliert, ebenso „das klassische Denkmal, die Plastik und die Skulptur“, erklärte der wissenschaftliche Leiter des Baukunstarchivs NRW, Prof. Dr. Wolfgang Sonne, im Rahmen des Symposiums weiter. Im Fokus seines Vortrags standen jedoch die Fragen: Wie kann die Stadt sich selbst im Stadtraum vorstellen? Und wie kann die Stadt ihre Stadtgeschichte präsentieren – insbesondere in der Region Dortmund? „Letztlich ist die gebaute Stadt insgesamt Teil der Stadtgeschichte, inklusive ihres Grundrisses, der oft viele Epochen überdauert“, erklärte Prof. Dr. Wolfgang Sonne.
Der Adlerturm in Dortmund in etwa basiert auf originalen Fundamenten, der Aufbau ist frei interpretiert. „Es geht dabei nicht um Fälschung, sondern um Vermittlung von Geschichte“, betonte der Architekturhistoriker. „Zu Stein gefrorene Stadtgeschichte“ seien Baudenkmäler, die jeweils eine besondere Geschichte erzählen könnten. Als wichtiges Denkmal für Dortmund zeigte Sonne beispielsweise die Reinoldi-Kirche, die mitten in der Dortmunder City gelegen ist; sowie das Union-Verwaltungsgebäude – ein Sinnbild der Montanindustrie. Das Bauwerk stehe seit über zehn Jahren leer, sei vandalisiert und müsse dringend für die Zukunft gesichert werden, appellierte Sonne. Auch das sei ein Thema, mit dem sich die breite Öffentlichkeit gegenwärtig bereits auseinandersetze. (Zum Union-Verwaltungsgebäude fand im November 2025 ein Symposium im Baukunstarchiv NRW statt. Zum Nachbericht)
Offene Diskussionsrunde
Die Öffentlichkeit „wie vor 50 Jahren“ existiere heute nicht mehr, stellte der Moderator der Veranstaltung, Dr. Jacques Heinrich Toussaint, zum Abschluss des Symposiums fest und führte fort: „Wir haben es mit vielen Öffentlichkeiten zu tun. Überfordert das nicht vielleicht die Künstlerinnen und Künstler?“
„Die Kunst schafft es heute, eine einladende Geste an die Öffentlichkeit zu senden“, meinte Dr. Vanessa Joan Müller. „Der Kunst gelingt es zumeist, Menschen anzusprechen und sie zu einer Haltung zu bringen. Auch Streit darüber ist ein großer Erfolg.“ Ein wichtiger Ansatz wäre es, analog zur Entwicklung des Gebäudebestandes auch den Denkmalbestand weiterzuentwickeln und umzuinterpretieren, etwa durch Translotion, Neugruppierung oder Ergänzungen, so Dr. Müller.
Ein weiterer Vorschlag wäre auch, Ausschreibungsverfahren zu Kunstprojekten anzupassen, so Lea Schleiffenbaum. Denn: Sie sehe in einigen Ausschreibungen das Problem, dass die Auslobung „zu viel will“. „Ein Werk, das nachhaltig, integrativ, multikulturell und vieles mehr sein soll, wird kaum ein überzeugendes Ergebnis zeitigen“, führte die Kunsthistorikerin aus.
Das zeige eindeutig, dass Diskussionsformate über den öffentlichen Raum – und über Kunst und Denkmäler – auch zukünftig von großer Bedeutung seien, erklärte der Konzeptkünstler Mischa Kuball abschließend. – Dazu brauche es weiterhin Gelegenheit und Raum, über das Thema ausführlich diskutieren zu können.
Mehr Informationen zur Ausstellung von Mischa Kuball im Baukunstarchiv NRW unter: www.baukunstarchiv.nrw
