Brücken zählen zu den markantesten Infrastrukturbauten – und sind heute vielfach in ihrer Existenz gefährdet. Die Fotoausstellung „Brücken und mehr“ im Baukunstarchiv NRW in Dortmund richtet den Fokus auf besondere Brückenbauwerke.
Gezeigt werden in der neuen Ausstellung zahlreiche Fotografien: Prof. Cengiz Dicleli hat über viele Jahre hinweg Brücken systematisch fotografisch dokumentiert, vor allem Bauwerke von Ulrich Finsterwalder, dessen Brückendirektor Herbert Schambeck sowie dem Brückenarchitekten Gerd Lohmer.
Insbesondere das Zusammenspiel zwischen den Disziplinen Architektur und Ingenieurwissenschaften wird im Rahmen der Schau herausgestellt.

Foto: Architektenkammer NRW
Bei der Vernissage am 16. April zeigten offene Diskussionsrunden und fachliche Impulsbeiträge deutlich, dass Brückenbauwerke insbesondere in Fachkreisen gegenwärtig vertieft diskutiert werden – nicht nur bautechnisch, sondern auch mit Blick auf ihre baukulturellen Qualitäten.
Wichtig sei es auch, mit der Ausstellung die gesellschaftliche Bedeutung der Bauwerke selbst hervorzuheben. Denn, so Prof. Dicleli: „Viele Menschen nehmen die Brücken nicht immer bewusst wahr; sie fahren und laufen lediglich hinüber.“ Die Präsentation im Gartensaal des Baukunstarchivs NRW wolle die Bauwerke in einem neuen Licht darstellen. Ziel ist es, neben dem Fachpublikum auch interessierte Laien weiter für das Thema zu sensibilieren. Denn gegenwärtig werden landesweit Brücken saniert oder durch Neubauten ersetzt. – Über 60 Besucher*innen nahmen an der Eröffnung teil. Die Schau könne Anstöße geben, die Brücken in unserer Umgebung „mit neuen Augen zu sehen“, so Dicleli weiter.
Fotos mit Geschichte
In der Ausstellung präsentiert Cengiz Dicleli vorrangig Schwarzweiß-Fotografien. Umliegende Elemente wie Verkehrsschilder, Oberleitungen oder Personen wurden entfernt, um die Konstruktionen möglichst puristisch und angelehnt an ihr ursprüngliches Erscheinungsbild darstellen zu können, erklärte der Fotograf der Werke im Rahmen der Ausstellungseröffnung.
Wieso insbesondere Fotos von Ulrich Finsterwalder, dessen Brückendirektor Herbert Schambeck sowie dem Brückenarchitekten Gerd Lohmer gezeigt werden; danach fragte der Moderator der Eröffnung, Prof. Dr. Wolfgang Sonne, Wissenschaftlicher Leiter des Baukunstarchivs NRW.
Cengiz Dicleli erklärte: „Die Zusammenarbeit zwischen Lohmer mit Finsterwalder und Schambeck ist ein Paradebeispiel für eine guten Zusammenarbeit zwischen Architekten und Ingenieuren.“ Zudem sei sein Interesse an den Persönlichkeiten durch vergangene Forschungsprojekte kontinuierlich gewachsen.
Zusammenarbeit der Disziplinen
„Gerade bei den Brückenbauwerken sieht man, wie gut Architektinnen und Architekten mit Ingenieurinnen und Ingenieure zusammenarbeiten können – und sogar müssen. Es kommt auf jedes Detail an; jede Proportion ist aus architektonischer Sicht sinnvoll, aber auch für die Konstruktion extrem wichtig“, erklärte Jörg Friemel, Vorstandsmitglied der Ingenieurkammer-Bau NRW, im Rahmen der Vernissage. „Gute Brücken entstehen da, wo die Disziplinen der Architektur und des Ingenieurwesens verschmelzen.“
Das unterstrich auch Markus Lehrmann, Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer NRW und Geschäftsführer des Baukunstarchivs NRW: „Bauen ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe. Bei den gezeigten Brücken sind – wie bei vielen Bauwerken – Architekten und Ingenieure gemeinsam für das Ergebnis verantwortlich. Diese Ausstellung zeigt, welche hohen Qualitäten gemeinsam erreicht werden können.“

Foto: Architektenkammer NRW
Baustelle Brücke
Doch es steht nicht gut um unsere Brücken – in etwa so lauten aktuelle Schlagzeilen in den Medien. Die Impulsgeber*innen der Vernissage in Dortmund waren sich einig: Die „Bauaufgabe Brücken“ stehe gegenwärtig unter enormem Handlungsdruck. Denn: Viele Brücken in ganz Deutschland seien baufällig und teilweise vom Abriss bedroht. Gründe dafür sind das stark gestiegene Verkehrsaufkommen mit immer schwereren Kraftfahrzeugen. Die Brücken – oft nach dem zweiten Weltkrieg entstanden – seien für eine solche Last nicht konzipiert wurden (Bericht mit Beispielen zum Thema „Rheinbrücken“: www.aknw.de).
Brücken müssten selbstverständlich funktionieren, sie können aber auch Teil von Baukultur und Stadtgeschichte werden, so der Wissenschaftliche Leiter des Baukunstarchivs NRW, Prof. Wolfgang Sonne. Als Beispiel nannte er die „Golden Gate Bridge“ in San Francisco – oder regional die markanten Rheinbrücken in Düsseldorf und Köln.
Mit der Ausstellung im Baukunstarchiv NRW werde die Vielfalt von Brückenbauwerken deutlich, unterstrich Geschäftsführer Markus Lehrmann: „Brückenbauwerke dürfen auch Individualisten sein.“
Hand in Hand: Architektur und Ingenieurswesen
Und wie können die verschiedenen Disziplinen – auch heute – effektiv zusammenfinden? Dazu sprachen im Rahmen der Eröffnung unter anderem Prof. Dr. Christian Hartz und Prof. Anne Hangebruch. Beide lehren an der TU Dortmund – und arbeiten hier mit dem „Dortmunder Modell Bauwesen“ eng zusammen. In der Fakultät „Architektur und Bauingenieurwesen“ der TU Dortmund seien die zwei Lehreinheiten „Architektur und Städtebau“ sowie „Bauingenieurwesen“ zusammengefasst. Die Verflechtung der beiden Fächer sei ein einzigartiges Merkmal der Fakultät.
Im Lehralltag der TU Dortmund würden (projektbezogen) verschiedene Bauaufgaben von Studierenden der Fachrichtungen Architektur und des Städtebaus sowie des Ingenieurswesen durchdacht und geplant – immer aber gemeinsam. Dies solle die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen bereits im Studium stärken.

Foto: Architektenkammer NRW
Das untermauerte auch Cengiz Dicleli, der von 1974 bis 1979 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrstuhl für Tragkonstruktionen – unter Prof. Stefan Polónyi – an der TU Dortmund tätig war und seinerzeit an der Etablierung des „Dortmunder Modell Bauwesen“ mitarbeiten konnte.
Die Rednerinnen und Redner der Vernissage plädierten dafür, die Zusammenarbeit von Architektenschaft und Ingenieurswesen bundesweit zu stärken – auch in der Ausbildung. Aktuelle Entwicklungen in der Praxis bewerten die Expert*innen dabei bereits positiv. Prof. Hartz (TU Dortmund) führte aus, dass zahlreiche Brückenwettbewerbe in Deutschland schon heute interdisziplinär ausgelobt werden und aufgestellt seien.
Wie sehen die Brücken der Zukunft aus?
Die Ausstellungseröffnung sowie damit einhergehende Gesprächsrunde zeigten deutlich: Die Entscheidung zwischen Neubau bzw. dem Erhalt von bestehenden Brücken werde die Branche in den kommenden Jahren weiter intensiv bewegen. Anne Hangebruch sowie Ingenieur Christian Hartz berichteten hier vom verstärkten Einsatz ressourceneffizienter Materialien – in etwa Holzkonstruktionen. Insbesondere lokale Stoffe seien zukunftsweisend.
Jörg Friemel von der Ingenieurkammer-Bau NRW betonte zudem: „Die Besonderheit beim Brückenbau ist es, architektonische Qualitäten mit der Konstruktion in Einklang zu bringen.“ – Wie das beispielhaft funktionieren kann, können Besucher*innen im Rahmen der Ausstellung „Brücken und mehr“ ab sofort selbst entdecken.
„Brücken und mehr. Finsterwalder, Schambeck, Lohmer – Zusammenarbeit Ingenieur und Architekt“ – Laufzeit: 17. April bis 21. Juni 2026 im Baukunstarchiv NRW in Dortmund. Öffnungszeiten: Di bis So 14:00 – 17:00 Uhr, Mo geschlossen.
Text: 17.04.2026, Melina Beierle
